06.12.2009 | AS Roma - S.S. Lazio 1:0
Serie A, 15. Spieltag
Der Nikolaus bescherte endlich mal wieder ein „normales“ Fußballspiel, Rekordumsätze für die italienische Gürtel- und Feuerwerksindustrie sowie einen fußballbegeisterten Förster und mehrere Holzarbeiterfans. Das alles wieder mit „Snake“. Aber im Gegensatz zu Ostern mit 3 weiteren Teilnehmern, 1 Übernachtung und dieses Mal auch guten Preisen…
Kurzentschlossen…
Am 06.12.2009 war wieder Derbyzeit in der ewigen Stadt angesagt. Das wusste natürlich auch unser Lokmüller. Dieser griff Ende Oktober zum Hörer, um zu erfragen, wer denn alles Lust hätte eine diesbezügliche Reise mit anzutreten. Und so landete er auch bei mir, trotz des Wissens meiner entsprechenden Lustlosigkeit. Die schmerzlichen Preiserinnerungen an den Osterausflug im April dieses Jahres ließen mich wie erwartet zunächst eine wieder so kurzfristig anberaumte Romreise ablehnen. Aber der Hin- und Rückflug für insgesamt 53,- € mit easyjet von Berlin-Schönefeld nach Rom Ciampino sowie eine Übernachtung für 30,- € in Rom-Connewitz und die vollständige Reiseorganisation durch Lokmüller waren für mich Überzeugung genug. Zudem seit Jahren der erste Romausflug, bei welchen ich mich im Vorfeld entspannt zurücklehnen konnte. Da sagt man nicht nein. Grande!
Tickets, keine Tickets die Zweite…
Hatte ich all die Jahre zuvor, ausgenommen den diesjährigen Osterausflug, sämtliche Tickets über meinen Freund aus Albano Laziale ordern können, scheiterte dieses Unterfangen nunmehr an einem nachhaltigen Kommunikationsproblem. Mein Kontaktmann hatte einfach seine Mobilfunknummer geändert, ohne mich darüber in Kenntnis zu setzen. Frechheit! Auch scheint er kein Freund davon zu sein, regelmäßig seine E-Mails zu lesen. Ihn auf dem Postweg anzuschreiben scheiterte ebenfalls. Denn wie ich später erfuhr, wurde trotz Nichtumzug seine Adresse (Hausnummer) sowie Postleitzahl staatlicherseits mal fix, warum auch immer, geändert. Aber da gab es ja noch „Snake“ und seinen italienischen Kumpel. So kopierten sämtliche vakanten Reiseteilnehmer ihre Ausweise, welche von „Snake“ den Nudelfressern für den Billeterwerb per Fax übersandt wurden. Bei unserem Ausflug nach Salzburg wurde uns der Ticketerwerb durch die Itaker zwar bestätigt. Dabei hatte man diese allerdings nicht, obwohl unser Erscheinen in der Ostmark lange genug vorher angekündigt war. Die Eintrittskarten würden wir erst am Spieltag selbst erhalten. Ein weiterer Teilnehmer konnte sich berufsbedingt erst verspätet dazu entscheiden, sich unserer Reisegruppe „Fritz Fröhlich Rom“ anzuschließen. Er konnte damit sein Ticketglück vorerst nur noch über listicket.it versuchen. Wie ein paar Jahre zuvor für mich, war das auch für ihn ein sinnloses Unterfangen. Seine Befürchtungen, nunmehr kein Ticket vor Ort zu erhalten, sollten sich allerdings letztendlich als unbegründet herausstellen.
Derbyzeit…
Sonntagmorgen stiefelte ich dann von meinem „Dorf“ nahe Berlin frisch gewaschen und mit Wechselsachen im Rucksackgebäck pünktlich um 6.00 Uhr Richtung A 10, zur Autobahnauffahrt Königs Wusterhausen. Die aus Leipzig angereisten Jungz waren so freundlich, mich von dort abzuholen. Anschließend ging es zu viert nach Berlin-Schönefeld, wo wir dann bei einem Kaffee und 3 Kakao *hüstel* noch auf den 5. Teilnehmer, einen jungen BFC’er, warteten.
Der Bursche kam eine geschlagene Stunde später, aber noch rechtzeitig zum Check in. Da wir alle (aufgrund Lokmüller) einen „Online-Check in“ gebucht hatten, konnte man dankenswerterweise auf das bescheuerte Anstehen verzichten. Bene!
Gegen halb elf in Rom gelandet, gelangte man wieder mit dem Bus in die Innenstadt, direkt an den Termini. Nun hieß es erst mal überlegen, was als nächstes ansteht. 4 Mann von uns hatten ihre Karten eigentlich sicher, nur der 5., Hoffi, stand nach wie vor ohne gültiges Ticket da. „Snake“ sein Kumpel, der mit unseren Karten, war nicht zu erreichen. Sein Telefon war ausgeschaltet. Sonntagmittag! Und im Wissen, das wir kommen. Keine Ahnung, ob ich da persönlich eine falsche Vorstellung von Anstand habe, aber ich finde das irgendwie asozial. Mein Freund Agustin hatte es dagegen tatsächlich 2 Tage vor unserer Anreise geschafft, seine neue Mobilfunknummer mitzuteilen und so hatten wir uns für Sonntag 13.00 Uhr in einem Pub auf der Via Nazionale verabredet. Kaum gelandet, kam auch schon eine Nachricht von ihm, ob wir gut angekommen sind. So gehört sich das. Bis 13.00 Uhr war noch Zeit, so dass Lokmüller in unsere Unterkunft schlich, um unser Gepäck unterzustellen und den Schlüssel zu sichern. Der Rest unserer Truppe ist noch mal in den Fanshop der Unbeugsamen gegangen, um nach einer zusätzlichen Karte zu fragen. Keine Chance, auch weil es ein Heimspiel der Roma war. Da wir alle Hunger hatten, gingen wir eher als verabredet in den vorgenannten Pub und informierten auch Agustin, dass wir dort bereits verweilen. Eine halbe Stunde vor der Zeit erschien dann auch er mit einem spanischen Freund aus Saragossa im Schlepptau. Als wir ihm den ticketlosen Mitreisenden vorstellten, fragte er mich etwas angesäuert, warum ich ihn denn nicht eher gefragt hätte. Ein oder mehrere Tickets wären bis Sonnabend, also den gestrigen Tag, kein Problem gewesen. Gute Frage von jemandem, der über Monate vergisst, seine veränderten Kontaktdaten bekannt zu geben. Jetzt konnte er uns allerdings nicht mehr weiterhelfen…
Nach ein, zwei Stunden Unterhaltung, einer Hartweizengrießspeise sowie einem Guinness schlug Agustin vor, die Lokalität zu wechseln. Bevor wir dies taten, bat ich „Snake“ um die Telefonnummer seines Kumpels und klingelte einfach mal kurz durch. Und tatsächlich, am anderen Ende meldete sich noch ziemlich verschlafen Roberto. Wir verabredeten uns für 15.30 Uhr am Piazza Vescovio zur Kartenübergabe und ich gab gleich noch eine Karte mehr in Bestellung. Agustin meinte gleich, vor 16.00 Uhr brauchen wir nicht mit ihm zu rechnen. Italiener eben. Er selbst ist zwar nicht so unterwegs, aber wird auch nie müde zu betonen, dass seine Mutter Spanierin ist. Keine Ahnung, wo da der Unterschied sein soll. Nun ja. Kurz nach 15.00 Uhr verabschiedeten wir uns dann, nachdem sämtliche Getränke und Speisen auf Kosten unseres italienisch-spanischen Gastgebers gegangen sind. Auch hier halfen alle Widerreden nichts. Mit dem Bus 310 ging es zum oben genannten Platz für je 1,- € die Nase. Dort angekommen, empfing uns auch schon Roberto. Allerdings wieder ohne Karten. Diese gibt es vor dem Stadion. Er fragte noch nach den Personendaten unseres Kartenlosen und anschließend wurde mal „kurz“ telefoniert…
Langeweile, oder was?
Noch eine Cola gezischt und den Nikotinhaushalt aufgefrischt, ging es gegen 16.30 Uhr im Konvoi Richtung Stadion. Über 4 Stunden vor Spielbeginn! Na das kann was werden, dachte man so bei sich. Kurze Zeit später fand man sich dann auch an den Imbissbuden nahe der Curva Nord wieder. Eine stattliche Anzahl von einheimischen Landräubern sowie ausländischen Zaungästen hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon angesammelt. Schätzungsweise 500 bis 600 Gestörte. Man vertrieb sich die Zeit unter anderem mit Fußball spielen. Auch die in unmittelbarer Nähe 40 Mann starke Bulleneinheit ließ es sich nicht nehmen, öfter mal gegen die Gummipille zu treten, wenn diese zu ihnen rüber flog. Gegen 18.00 Uhr wurde es dann einigen anscheinend noch langweiliger und man begann damit, die Uniformierten mit Böllern zu bewerfen. Das veranlasste diese, eine 20 Mann starke Verstärkung anzufordern. Zwischen den Böllerwürfen wurden immer wieder italienische Gassenhauer angestimmt. Wem es gefällt… Die Bullen nahmen dies alles völlig entspannt und grinsend zur Kenntnis. Zwischendurch bekamen wir unsere Tickets übergeben, 4 x Tribüne für 55,00 € und 1 x Curva Nord für 20 €. Gemäß mitteleuropäischer Zeit schrieb man 19.30 Uhr, als sich mit einem Ruck sämtliche Protagonisten Richtung Stadion in Bewegung setzten. Man folgte dem Herdentrieb Rechnung tragend. Hinten dran die Herren italienischen Staatsdiener. Maximal 60 Mann. Kurz vorm Stadiongelände blieb der Großteil plötzlich stehen und drehte sich Richtung Bullen um. Anstatt das Pfandgeld für die Getränkeflaschen einzulösen, warf man selbige nun lieber auf die Männer in Uniform nebst Böllern und Bengalos. Die waren nun nicht mehr so amüsiert, auch weil in ihrem Rücken das gleiche Schauspiel ablief. Noch nie habe ich so unorganisierte Bullen gesehen. Die diskutierten erst mal aus, was man denn nun machen sollte und schrieen sich dabei ständig gegenseitig an. Als man sich dann endlich ob der weiteren Vorgehensweise einig war, holte man geschwind die Knüppel aus dem Sack und rannte im Eilschritt Richtung den Ultras am Stadion. Diese erwischte man zwar nicht, dafür durften aber den Weg säumende 1, 2 Familienväter und ein ca. 14jähriger Junge den Knüppel der Liebe spüren. Während geschätzte 250 Nudelfresser nun aufgrund der 60 Mann starken Polente Fersengeld gaben, was subjektiv und völlig wertfrei betrachtet eigentlich kein Mensch versteht, blieb man als ausländischer Zaungast in Ruhe stehen. Wer rennt, stirbt nur müde. Und macht sich zudem unnötig auffällig. Die große Masse wurde dann von den Uniformierten in den Stadionbereich getrieben. Großer Fehler. Nun hagelte es im Schutz der Umzäunung aus diesem alles, was man zu fassen bekam. Währenddessen standen wir weiter draußen und beobachteten aus nächster Nähe die nun folgende, durchaus humorvolle Szenerie. Wieder schrieen sich die Bullen gegenseitig an. Plötzlich bekam die gerade zum Tanz aufgeforderte Einheit mit, dass ca. 50 Kollegen auf einer Erhöhung in ca. 40-50 Entfernung ihr Pausenbrot zu sich nahmen und in aller Ruhe, genau wie wir, das dargebotene Schauspiel beobachteten. Ziemlich angesäuert wurden nun diese Kollegen aufgefordert, mal bitte den Finger zu ziehen und mit runter zum Geschehen zu kommen. Als Antwort gab es nur ein Schulterzucken, welches man als klares „Warum?“ deuten konnte. Köstlich…
Das Schauspiel war nach weiteren 10 Minuten endgültig beendet und so konnte man sich in Ruhe ins Stadioninnere begeben. Unser Inhaber der Curva Nord-Karte ging in dem ihn zugewiesenen Bereich, um anschließend durch das mehrfache Überklettern der Plexiglas-Trennwände zu uns auf die Tribüne zu stoßen. Wir gingen gleich zum Tribüneneingang. Es wurden keine Ausweise verlangt. Und wenn man hätte kontrolliert werden wollen, hätte man darum bitten müssen. Lustloses Durchwinken durch Ordner und Polizeikräfte. Komisch…
Roma Merda – 20.45 Uhr - Das Spiel
„Wie, das Spiel läuft schon?“ – „Na gleich ist Halbzeit!“
Gegen 20.20 Uhr befand man sich im Stadioninneren. Die Tribüne war zu 2/3 mit Fans der Roma und 1/3 Laziali gesäumt. Die verschiedenen Fangruppen jeweils durch ein Band und vereinzelte Ordner in unterschiedlichen „abgesperrten“ Bereichen. Auf den Oberrängen saß jeweils das Familienpublikum und im unteren Bereich stand größtenteils… nun, wie bezeichnen wir die Herrschaften mal… ach ja, die jeweilige Erlebnisfraktion. Darunter auf beiden Seiten erstaunlich „viel“ Weiblichkeit. Die Roma lief zu dem Zeitpunkt gerade komplett ein, um ihre Fans in der Kurve zu begrüßen und sich anschließend warm zu machen. Die Lazialis folgten einige Augenblicke später mit dem gleichen Ritual. Während der Zeit nutzte man die Gelegenheit, ein paar Fotos zu schießen. Die Roma mit einer einfachen, aber dennoch ansehnlichen Choreo sowie mehreren Transparenten. Dies alles flankiert von viel Rauch, bengalischen Feuern und etlichen Böllern. Die Curva Nord hatte nicht so viel im Angebot, lediglich einige wenige Transparente, ein wenig Rauch, vereinzelt bengalische Lichter und Böller. 10 Minuten vor Spielbeginn wurde es dann auf den Rängen das erste Mal kurz hektisch. Ein Roma-Anhänger hatte sich „verlaufen“ und wurde vor den Augen der lächelnden Polente von einem Laziali fort geprügelt.
Pünktlich um 20.45 Uhr nehmen die Herrschaften Fußballer auf dem Feld ihre Plätze ein.
Lazio spielt momentan wieder mal eine Grottensaison. Augenblicklich kämpft man gar gegen den Abstieg. Auch wenn gewisse Interessierte sicher immer dafür Sorge tragen werden, dass eine römische Mannschaft nicht den Weg in die Serie B antreten muss… Bei dem mittwochs zuvor stattgefundenen Euroleague-Auswärtsspiel in Salzburg zelebrierten die Landräuber wieder traditionsgerecht lustlosen Antifußball. Das alles ließ für das Derby schlimmes befürchten. Wieder mal.
Auch weil die Roma, welche zu Beginn der Saison noch mit Lazio gemeinsam im Keller der Serie A dümpelte, sich mittlerweile anschickt an der oberen Etage anzuklopfen. Wie so oft konnte man also auch am Nikolaustag davon ausgehen, dass der in den Stadtfarben spielende Verein als Favorit in das Derby gehen würde. Halb so wild, als blau-gelber Leipziger ist man ja momentan gewohnt, den Punktelieferant zu geben. Mal comune mezzo gaudio…
Gleich sollte es also los gehen, aber so ein Heini mit einer riesigen Schwenkfahne versperrte mir die Sicht auf das Feld. Ich kam jedoch nicht dazu, mich darüber zu ärgern von dem Spiel wahrscheinlich zunächst nichts zu sehen, denn auf den Rängen wurde das Spiel bereits eröffnet. Und wir mittendrin. Es flogen auf Kommando diverse Gegenstände, Böller, welche eher Handgranaten ähnelten, und Bengalos hin und her. Mittendrin auch fußballinteressierte Familien, welche ebenfalls die ein und andere Detonation eines Böllers direkt an ihren Ohren zur Kenntnis nehmen durften. Es ist wohl davon auszugehen, dass dies etliche Trommelfellattacken zur Folge hatte. Nicht verstanden habe ich in dem Augenblick die Familienväter und Muttis mit ihren Kindern, welche trotz des Hin und Her in einer Arschruhe mitten im Geschehen auf der Tribüne sitzen blieben. Eine kleine Reihe von Ordnern und Zivis versuchten Ruhe reinzubringen, was allerdings nicht so recht gelang. Während ich mich noch wunderte, warum plötzlich bei nicht wenigen Italienern die Hosen rutschten, sah ich auch schon die vormals in den Hosen befindlichen Gürtel als Schlaginstrument in den Händen beider römischen Fangruppierungen. Gehört wohl leider auch zum südeuropäischen Flair. Die uniformierten Herrschaften dachten gar nicht daran, dem Hase- und Wolf Spiel massiv ein Ende zu bereiten und für dauerhaft Ruhe zu sorgen. Ich behaupte, in Deutschland hätten die Bullen ein solches Geschehen innerhalb von 5 Minuten im Griff gehabt. Zu einem richtigen Kontakt der beiden Fanlager kam es dennoch nicht, obwohl es für die Roma-Fans zahlenmäßig wirklich ein Leichtes gewesen wäre „durchzubrechen“. Stattdessen die Roma-Ultras in guter, alter Leutzscher Tradition. Ständiges provokantes Anbieten mit dem 4fachen an Masse von Erlebnisorientierten und solchen, welche es sein wollen. Aber nicht in der Lage, mal komplett durch die nunmehr zwar existierende, aber lächerliche Bullenkette durchzurennen. Dann hätte es wahrscheinlich ordentlich „Aua“ gegeben. Vereinzelt kam es in den Lücken der Bullenkette zu Boxereien und gegenseitigen Tritten. Als dann einige versucht waren, ihre Gürtel einzusetzen, gab es kurz von der Polente einen Hieb mit dem Schlagstock auf den Kopf der Probanden. Was dann folgte, war Situationskomik pur. Aufgrund des Einsatzes der einzelnen Schlagstöcke kam es zur kurzzeitigen Unterbrechung des innerrömischen Dialogs und zur nachhaltigen Diskussion mit den Polizeikräften, hier Zivis. Diesen wurden von den Ultras die Uniformierten gezeigt, welche den Schlagstock eingesetzt hatten. Keine Minute später wurden die „Schlagstock“-Bullen von ihren zivilen Kollegen aufgefordert, diesen Stadionbereich zu verlassen. Und taten dies auch. Keine Verhaftung, nichts. Nur Polizeikräfte, welche zum Gehen aufgefordert wurden. Ohne Worte. Nach dem dies geklärt war, ging die Unterhaltung auf den Rängen weiter. Auf der Tribüne gibt es zwischen Unter- und Oberrang einen inneren Graben im Block, welcher nunmehr von den Polizeikräften stark gesäumt war. Das sorgte nunmehr dafür, dass die Gespräche so langsam abebbten. Das das Spiel aufgrund dieser Ausschreitungen einige Minuten unterbrochen war, hatten wir gar nicht mitbekommen. Vielmehr fragte ich meinen Nachbarn, ob das Spiel eigentlich schon läuft. Daraufhin meinte er, dass es 0:0 stehe und in 5 Minuten Halbzeit sei. Was ist los?
„Wollen wir Fußball schauen?“
Pünktlich mit dem Halbzeitpfiff wurden auch sämtliche Handlungen auf der Tribüne eingestellt. Wir unterhielten uns kurz und entschlossen uns dazu, die zweite Halbzeit auf den Oberrang zu gehen, um wenigstens etwas Fußball zu schauen. Der Rest auf der Tribüne hatte anscheinend die gleiche Idee und so gab es mit Beginn der zweiten Hälfte auch erst mal keine Aktionen mehr. Die Herren in Uniform zogen sich daraufhin ein paar Minuten später auch wieder zurück.
Die zweite Hälfte beginnt relativ geschmeidig und es war nicht viel los. Man hat das Gefühl, beide Mannschaften wären mit einem Unentschieden zufrieden. Lazio fand mit der Zeit immer besser ins Spiel und setzte die Roma-Abwehr ein ums andere Mal unter Druck. Man schrieb die 60. Minute, als Zarate aus sieben Metern abzog, jedoch nur den Pfosten traf. Die nächsten 5 Minuten sollten die Laziali den Strafraum der Roma unter Dauerdruck setzen. Es folgte noch ein satter Schuss auf das Gehäuse der Giallorossi, welcher glänzend von Julio Sergio pariert wurde. Nach ca. 8 Minuten waren diese Phase sowie Nachwehen endgültig vorbei und man dachte so bei sich, wenn jetzt noch ein Tor fällt, dann höchstens für die Roma. Und tatsächlich, in der 78. Minute bedient Mikro Vucinic den eingewechselten Verteidiger Marco Cassetti mustergültig, welcher die 1:0 Führung markiert. Die Lazioabwehr und auch das Mittelfeld verhielten sich während und vor diesem Treffer wie ein aufgeschreckter Hühnerhaufen. Der Treffer war sogleich der „Hallo-Wach“-Moment für die auf der Tribüne befindlichen Laziali, welche nunmehr die in Hälfte 1 stattgefundene Unterhaltung weiterführen wollten. Allerdings scheiterte dies nunmehr an den Polizeikräften. In den Schlussminuten verhinderte Muslera noch nach das 2:0 für die Roma durch eine Glanzparade. Nützen sollte dies allerdings nichts mehr. Zwar schwächte sich die Roma durch eine gelb-rote Karte für Pizarro, welcher Zarate etwas zu sehr lieb hatte, in der 88. Minute nochmal selbst. Aber Kapital konnte Lazio daraus nicht mehr ziehen. Die Roma gewann das Derby mit 1:0, was für mich persönlich auch bedeutet, dass Lazio zum ersten Mal ein Derby verloren hat, als ich vor Ort war. Alles in allem: Porca puttana!
Nach dem Spiel ist vor dem Spiel ist während dem Spiel UND ein Förster…
Nach dem Schlusspfiff verließen wir umgehend das Stadionrund. Man griff zum Telefonhörer und wählte mal kurz die Heimat an. Während des Telefonats war es um uns herum etwas hektisch. Allerdings hatte ich dem noch keine Bedeutung beigemessen. Wir hatten kaum das Stadioninnere verlassen, als geschätzte 10 cm neben meinem Nischel ein Pflasterstein vorbeiflog und die Scheibe eines Personenkraftwagens zum Bersten brachte. Aufgrund meines fernmündlichen Gesprächs hatte ich das erst gar nicht so richtig begriffen. Man machte mich seitens der anderen Leipziger Jungz kurz nach Einschlag darauf aufmerksam und empfahl mir, die Ferngespräche erstmal wegen erhöhter notwendiger Aufmerksamkeit einzustellen. Was ich dann, dem gesunden Menschenverstand Rechnung tragend, natürlich auch sofort tat. Ungefähr 500 Meter vom Stadiongelände entfernt, da wo vor dem Spiel die Imbissbuden standen, sammelte sich eine kleine Meute Lazialis an. Einer von uns Zaungästen konnte seine Neugierde nicht besiegen und musste sich natürlich dazugesellen. Ungefähr 200 Meter von diesem Punkt entfernt, würden die Rom-Ultras auf ihrem Nachhause-/Aus-dem-Stadion-Pfad den Weg kreuzen. Man brauchte nicht lange zu überlegen, was gleich abgehen sollte. Noch war man sich wohl nicht einig, wann, wo genau und wie viele. In dem Moment taucht plötzlich ein wahrscheinlich direkt von der Arbeit zum Derby gekommener Waldarbeiter, mithin Förster auf. Anders ist nicht zu erklären, wozu man bei einem Fußballspiel eine Axt mit am Start hat. Für uns war das eigentlich das Signal: Zeit zu gehen! Nur unser Neugieriger ließ sich davon nicht abschrecken. Und was macht man unter Freunden? Richtig. Nicht allein bzw. nicht im Stich lassen. Der Trupp der Laziali setzte sich langsam in Bewegung und wir folgten in einigen Metern Abstand. Auf der Route wurden nun auch diverse Holzlatten aus den Gebüschen gezaubert. In ungefähr 20 Metern Abstand zu den Roma wurde angehalten und sich Nettigkeiten, aber auch diverse Gegenstände gegenseitig an den Kopf geworfen. Typisch Itaker. Anstatt mal aufeinander zuzulaufen und das Ding mit Fäusten und Füßen zu klären, wird ein paar Meter vor der Angst plötzlich Halt gemacht und die Wurftechnik trainiert. Und dann noch diese Scheiß Zaunlatten. Von der Axt ganz zu schweigen. Und da hatte man noch gar nicht so richtig verifiziert, was die andere Seite diesbezüglich zu bieten hat. Da erinnert man sich dann ziemlich genau an Roma, Messer, ManU. Asociale! Wir konnten unseren Mittendrin-„Kiebitz“ nunmehr überzeugen, den Heimweg anzutreten. Allerdings war die Busstation, zu welcher wir mussten, genau hinter den geifernden Lazialis und Roma-Ultras. Schnurstracks geradeaus, die Dialogbereiten rechter Hand liegen lassen, Linksschwenk… und Überraschung, Überraschung…der Spaß war auch hier schon richtig im Gange. Ein PKW hatte wahrscheinlich die falschen Farben im Auto und stand deswegen lichterloh in Flammen. Alle möglichen Baumaterialien lagen herum, etc. Auf dem Weg zur Bushaltestelle trafen wir dann noch „Snake“ und den Berliner wieder, welche etwas eher das Stadion verlassen hatten. Diese hatten ihre Klamotten noch im Auto von „Snake“ seinem italienischen Kumpel. Außerdem wollten er und der Befi, im Gegensatz zu uns restlichen 3 Leutz, wieder die Nacht auf dem Flughafen verbringen. Für mich steht diesbezüglich fest: nein, nicht noch mal. Es geht nach einem solchen Tag nichts über eine schöne Dusche und sich die Beißerchen putzen zu können…
Rom, Stadtteil Connewitz…
An der Busstation angekommen, machte man sich mit der Linie 910 wieder auf den Weg Richtung Innenstadt. Gegen 0:45 Uhr waren wir dann auch endlich am Bahnhof. Da wir wieder großen Hunger hatten und keine Lust auf große Suche oder teure Pizza mit Nachtzuschlag, gingen wir zu McDonalds. Das einzige, was ich vom Besatzer ab und zu gern esse, ist der McRib. Aus unerfindlichen Gründen gibt es diesen aber in Bella Italia nicht. Das verstehe wer will. Also widerwillig zwei BicMac reingeworfen und eine Cola, anschließend ab zur Unterkunft. Auf den gefühlten 5 km Fußmarsch, durch Lokmüller geführt, konnte man die mir noch unbekannte Gegend etwas näher kennenlernen. Bei 100 Pennern habe ich aufgehört zu zählen, welche unseren Weg säumten. Traurig für Städte wie Rom, aber nun ja. Nicht ein Haus, welches von Graffiti verschont geblieben wäre. Nach 10 Minuten die ersten Kneipen, vor welchen etliche alternativ geprägte Leute abhingen. Die Gegend wurde mit jedem Meter immer schlimmer. Irgendwann kamen wir dann auch in unserer Unterkunft an. Was soll man sagen: außen pfui, innen hui. Ein wirklich schniekes Zimmer, mit kostenlosem Weltnetzanschluss und Flachbildschirm (braucht kein Mensch) und einem ordentlichen, sauberen Bad. In Rom Goldwert! Fix geduscht, noch ein wenig über den Tag geplaudert, im Internet nach Fußballergebnissen aus Deutschland geschnarcht und gegen 2:30 Uhr ab in die Heia.
Am nächsten Morgen wurde in aller Ruhe gegen 10.00 Uhr die Pension verlassen. Nach einem Kaffee und der Rückgabe der Zimmerschlüssel ging es wieder Richtung Innenstadt. Die Gegend sah tagsüber noch schlimmer aus, als in der Nacht. Was eigentlich unmöglich schien. Während Lokmüller und Hoffi bis zum Bustransfer um 13.00 Uhr etwas Kultur besichtigten, machte ich noch einen Einkaufsbummel. Wegen (verspäteten) Nikolaus und so. Kurz vor 14.00 Uhr waren wir dann auch schon auf dem Flughafen. Nun hieß es wieder sinnlos warten, bis zum Abflug um 15.35 Uhr. Ja, von wegen. 40 Minuten Verspätung waren dann noch angesagt. Da wird einem immer wieder auf das Neue bewusst, wie öde und langweilig fliegen ist. Ein paar Minuten nach 18.00 Uhr war man wieder in Berlin Schönefeld und ich gegen 19.00 Uhr wieder auf meinem „Dorf“.
Demnächst mal Saragossa?
Holger K. (Borstel) - Leipziger Jungz
P.S.: Bilder gibt es in ein, zwei Tagen auf unserer Seite www.Leipziger-Jungz.de, auf welcher der Bericht dieses Mal aus technischen Gründen etwas später stehen wird.