Wenn der Himmel über Sizilien weint und die Tore verschlossen bleiben (Trapani - Carpi 0:1)

  • Während es den Fohlen-Fan nach Liverpool zog, hielt mich zeitgleich eine andere Insel in ihrem Bann. Bereits Anfang April wurden in einer ausgiebigen Urlaubsbesprechung zahlreiche Termin- und Reiseoptionen durchgesponnen. Am Ende fiel die Wahl einige Wochen später auf das favorisierte Trapani ganz im Westen Siziliens - Ryanair steuert es mittlerweile von Leipzig direkt an. Das Warten auf die Spielpläne - wenn schon Sonne, Strand & Meer dann auch ein bisschen Calcio - dauerte gefühlte Ewigkeiten. Zwei Optionen hatte ich mir zurecht gelegt: US Palermo, gut 100km entfernt, oder der heimische Club in Trapani. Palermo durfte aber zu Lazio reisen, also blieb mir ein Drittliga-Spiel (Lega Pro, ehemals Serie C) vor Ort übrig.


    Nach zwei Tagen Eingewöhnungszeit im beschaulichen Trapani stand am Sonntag endlich Fußball auf dem Plan. Tags zuvor bei der Touri-Info noch kurz die Info eingeholt, wo das Stadion denn sei - ich nehms vorweg: die Wegbeschreibung war genauso gut wie die Englischkenntnisse des Einheimischen. Generell scheint man in der sizilianischen Provinz nicht viel von Fremdsprachen zu halten - kein Wunder wenn 80-90% der Touristen aus Italien selbst kommen.


    Großzügig wurden vierzig Minuten für den Fußmarsch zum außerhalb gelegenen Stadion eingeplant und hätte die Beschreibung gepasst wäre man auch nahezu pünktlich am "Stadio Polisporto Provinciale" gewesen. Etwas ratlos fing man kurz nach 3 einen Einheimischen ab und ich machte ihm mit meinem ca. 30-35 Wörter umfassenden italienischen Wortschatz klar, wo ich hin will. Er gab uns zu verstehen, dass wir folgen sollen und versuchte uns auf dem Weg klar zu machen, dass es am Stadion keine Karten gibt. Italien, 3.Liga - und am Stadion gibts keine Tickets??
    Nachdem er diese Info 7-10 mal wiederholt hatte, fing ich an ihm zu glauben. Sehr praktisch das dieser Hinweis in der Touristinfo verschwiegen wurde, obwohl klar war was ich dort wollte. Zwar erwähnte unser neuer Begleiter mehrfach den Ort wo es Karten gäbe, die Info wo das ist, blieb aber auf der Sprachbarriere hängen.


    Kurzerhand probierten wir es auf gut Glück und machten uns auf zum Stadion. Kurz nach Drei war nicht nur uns zum Heulen zu Mute, sondern auch dem Himmel über Süditalien und wir bekamen eine Erfrischung, die alles andere als Not getan hätte. Angekommen am Stadion fanden wir ein verriegeltes Areal vor bei dem es uns komplett unklar war, wie überhaupt jemand ins Stadion gelangen konnte: hohe Mauern und verschlossene Stahltore wohin das Auge blickte. Nach einer halben Stadionrunde fanden wir eine Einfahrt zur Gegentribüne, der ca. 20jährige besaß weder eine Englisch-Ausbildung, noch Tickets zum freien Verkauf, geschweige denn die Berechtigung uns reinzulassen. Einem kurzen verwirrten Wortwechsel folgte der Hinweis das Stadion weiter zu umrunden. Nächste Anlaufstelle: Kasse für hinterlegte Presse-Akkreditierung. Während ich mit dem Gedanken spielte einfach einen Namen auf der Umschläge vorzulesen, um mich als Lokalpresse zu tarnen, hatte ich die junge Kollegin am Schalter schon nach Biglietti gefragt. Ohne Ergebnis: sie winkte uns weiter. Dritter Anlaufpunkt: Einlass für die Pressevertreter - gleiches Gespräch aber eine neue Info: wir sollten doch mal klopfen. Fragte sich nur wo!?


    Das Stadion war bereits einmal komplett umrundet und das Spiel schon voll im Gange - da öffnete sich ein paar Meter vor uns ein massives, meterhohes Metalltor und ließ zwei Nachzügler ein. Wir griffen die Chance sofort beim Schopfe, fragten artig nach bigliettis, wohlwissend den italienischen Redeschwall nicht verstehen zu können. Als der Ordner ein zweites mal die Wegbeschreibung zu irgendeiner Verkaufsstelle an irgendeinem Krankenhaus ansetzen wollte, hatte die Frage-Antwortrunde ein Ende. Er nahm uns kurzerhand ohne Tickets mit rein - auch ihm war wohl klar das es für alle Beteiligten das Einfachste war.


    Wir fanden uns in der Ultra-Kurve der Heimfans und in der ca. 22.Spielminute wieder. Kurze Frage beim Vordermann ergab einen 0:1-Rückstand für die ganz in weinrot spielenden Sizilianer. Neben dem späten und unverhofften Einlass ins Stadion gab uns auch das Ende des Regenschauers Hoffnung auf einen netten Fußballnachmittag.


    Das Stadion war ganz nett anzusehen. Eine überdachte Haupttribüne und eine zweistöckige Gegentribüne mit blauen Sitzschalen bieten 5.400 Sitzplätze. An die Gegentribüne schließt sich die Fankurve an und direkt daneben in einem komplett-Käfig befindet sich der Gästeblock - die andere Kurve hat lediglich etwas Grünzeug und die rundum durchgezogene Stadionmauer zu bieten. Wieso man ausgerechnet die Fanblöcke direkt nebeneinander gebaut hat, erschloss sich uns nicht. War an diesem Sonntag auch egal - es war kein erkennbarer Gästefan angereist, bei einer Entfernung von gut 1.100km auch keine Schande. Die Kapazität ist mit 6.776 Zuschauern ausgewiesen. Eine offizielle Zuschauerzahl war nirgends zu finden, ich tippe aber mal ins Blaue auf ca. 1.500-1.800 Zuschauer.


    Die Stimmung war in der ersten Halbzeit trotz Rückstand ganz ordentlich. Verschiedene Ultra-Sprechchöre, die aber zumindest auf den Fußballtouristen keinen eintönigen Eindruck machten. Trapani aufgrund des Rückstands spielbestimmend aber mit Schwierigkeiten sich große Chancen herauszuspielen und so trudelte die Partie mit dem knappsten aller Rückstände in die Pause.


    Zeit für einen kleinen kulinarischen Stadioncheck: was sofort ins Auge fiel, war das fehlende Bier. Auf Sizilien nicht nur im Stadion eine Seltenheit. Auch unsere umfangreichen Bierkäufe bei den umliegenden Supermärkten - immerhin für sechs durstige Kehlen ausgelegt - stießen auf Verwunderung und teils Erheiterung. Auch in den Straßen und den Bars musste man schon genau hinsehen, um mal eine Bierflasche auszumachen. An eine Stadionwurst war auch nicht zu denken, dafür gabs ein umfangreiches Snackangebot von Gummitierchen, Kaugummi über Erdnüsse, Cashews und Sonnenblumenkerne. Meine Wahl fiel auf ein Tütchen Cashew-Kerne (1€), beim Verzehr wollte ich als pflichtbewusster Gast die Schalen irgendwo entsorgen. Doch obwohl mit Hülsenfrüchten an sich sehr abfalllastige Snacks angeboten wurden, waren Mülleimer Fehlanzeige und ich passte mich den Einheimischen schnell an.


    Ich war gespannt auf die zweite Hälfte - denn was verbindet ein Deutscher mit italienischem Fußball? Catenaccio, Zeitschinderei, Theatralik und ständiges Lamentieren. Doch auf dem Rasen bot sich ein ganz anderes Bild. Im mittlerweile eingesetzten Dauerregen boten beide Teams eine kampfbetonte Leistung. Und im Vergleich zum deutschen Zeitgeschinde bei eigener Führung ging es an diesem Sonntag sehr fair und sportlich zu. Kein "vor den Ball beim gegnerischen Freistoß stellen", keine "drei Minuten-Ehrenrunde bei eigener Auswechslung" und kein "drei mal den Ball zurechtlegen bei eigenem Abstoß". Noch offensichtlicher wurde es bei den Zweikämpfen. Falls ein gegnerischer Spieler liegen blieb wurde kurzerhand weitergespielt und als der nach einigen Sekunden checkte, das sich daran nichts ändern wird, stand er auf und es ging nahtlos weiter. Welch Wohltat für den Spielfluss und den neutralen Beobachter - chapeau!


    In der zweiten Hälfte spielte sich Trapani noch 2-3 ordentliche Chancen heraus, konnte sich aber nicht entscheidend durchsetzen. Ein Highlight war noch die vielgefeierte Einwechslung des Lokalhelden Alessandro Romeo, der reichlich übermotiviert und glücklos zu Werke ging. Immerhin konnte man ihm nicht vorwerfen den Abschluss zu scheuen. Die Konter von Carpi wurden tollpatschig und leichtfertig vertändelt. Insgesamt nahm das Spielniveau durch den mittlerweile aufgeweichten Rasen ab und die technischen Fehler häuften sich. Der Support litt arg unter dem bunten Potpourri an Zwischenrufen der Einheimischen, die dem Schiedsrichter oder Gegner ihre eigene Meinung entgegenschreien mussten.


    Es blieb beim 0:1. Nachdem Trapani noch vergangene Saison in den Playoffs um den Aufstieg in die Serie B stand, ging der Saisonstart also in die Hose. Wir machten uns auf den ca. 40minütigen Heimweg durch den strömenden Regen, um uns in der heimischen Ferienwohnung mit trockenen Klamotten und dem ein oder anderen Birra aufzuwärmen.


    In den nächsten Tagen liefen uns noch ein paar "Forza Trapani"-Plakate und Schals über den Weg, ein ganz netter Lokalkolorit der an verschiedenen Ecken mal hervorschimmert. In den nächsten Tagen wurden noch die Strände Trapanis und die Innenstadt Palermos unsicher gemacht. Und damit schließe ich den Bericht mit einer kulinarischen Warnung an alle zukünftigen Sizilien-Besucher: auch wenn der Run der Einheimischen auf einen Snack namens "Pani ca meusa" groß ist, sind Kalbs-Milz & -Lunge im Brötchen das Allerletzte.


    Trapani Calcio - Carpi FC 1909 0:1 (0:1)
    Tor: 0:1 Arma (17.)
    Videozusammenfassung vom Spiel
    Aufgesammelte Eintrittskarte:


    P.S.: Kamera hatte ich zum Spiel nicht mit, hätte aber im Dauerregen auch nicht besonders viel gebracht.

    R.I.P. Fußball: TeBe Berlin, SSV Reutlingen, Eintr. Bamberg, RW Essen, Bonner SC, Waldhof Mannheim, SpVgg Weiden, SSV Ulm, 1.FC Kleve, LR Ahlen, Sa. Leipzig, Germania Windeck, TuS Koblenz, VfL Kirchheim, Borea Dresden, GW Wolfen, Türkiyemspor, Kickers Emden, 1.FC Gera, Eintr. Nordhorn, RW Kemberg, Germania Schöneiche, VfB Lübeck, OFC Kickers, Wuppertaler SV, FC Oberneuland, MSV Duisburg... [to be continued]

  • Schöner Bericht, ich bin 2000 in den Osterferien selbst mal mit dem Motorrad dort gewesen, ist ´ne schöne Ecke, auch ohne Motorrad oder Fußball.
    Damals habe ich das Stadion in Palermo besichtigen können, leider ohne Spiel. Die (fehlenden) Fremdsprachenkenntnisse kann ich auch bestätigen.
    Für alle historisch Interessierten:
    Versucht mal, den sagenhaften Ursprung der Halbinsel, auf der Trapani liegt, rauszufinden, ist ein ziemlich abgefahrene Geschichte.

    "Fehlentscheidungen sind das Kostbarste, das der Schiedsrichter dem Fußball geben kann." W. Kralicek

  • Soll ich Dich ab jetzt "Bear Grylls" nennen :happy:


    Wer's genau wissen will - in diesem Laden hatten wir unseren kulinarischen Ausflug. Aber nach 8-10h hat man den Geschmack wieder aus dem Mund raus... :whistling:

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  • Eine offizielle Zuschauerzahl war nirgends zu finden, ich tippe aber mal ins Blaue auf ca. 1.500-1.800 Zuschauer.


    Es waren 2773, laut soccerway.com :whistling:


    Schöner Bericht. Da bist du ja direkt um die personalisierten Tickets rumgekommen - und konntest unerkannt randalieren :rofl:

    Dies ist nicht für RTL, ZDF und Premiere, ist nicht für die Sponsoren oder die Funktionäre, nicht für Medienmogule und Ölmilliardäre!