Leitzkes grüne Rasselbande
Sachsen-Kapitän René Twardzik muss sich am Sonntag gegen Halle wieder wie Methusalem vorkommen. Der 35-Jährige wird seinen Kasten bewachen und die blutjunge Rasselbande anfeuern, die vor ihm wirbelt. Beim 0:1 gegen Magdeburg hatten die 13 eingesetzten Feldspieler ein Durchschnittsalter von 21,4 Jahren. Mittelfeldmotor Daniel Ferl (25) war der Nestor, versuchte zusammen mit Abwehrchef Adebowale Ogungbure (24) die Leutzscher "U 22" zu führen.
"Die beiden müssen da erst reinwachsen, machen das aber schon ganz gut", meint Trainer Hans-Jörg Leitzke, der seinen Youngstern keinen Freifahrtschein wegen Unerfahrenheit geben will und schnelle Fortschritte fordert.
Doch klar ist auch, dass ein Team mit drei 19-Jährigen (Boltze, Garbuschewski, Watzka) und vier 20-Jährigen (Köckeritz, Seifert, Semmer, Fraunholz) keine funktionierende Hierarchie haben, geschweige denn die Oberliga dominieren kann. "Die Jungs sind noch zu grün", weiß Präsident Rolf Heller. Der extreme Jugendstil ist einerseits den Verletzungsausfällen von Frank Gerster und Gregor Berger beide 29 sowie dem Formtief von Andreas Schwesinger 28 geschuldet, andererseits einer aus der Not geborenen Transferpolitik. Geldmangel verhinderte die Verpflichtung routinierter Spitzenkräfte. Daran dürfte sich bis zur Winterpause kaum etwas ändern.
"Unser Handlungsspielraum ist begrenzt", sagt Heller angesichts von einer Million Euro Altlasten: "Die finanzielle Lage ist prekär, wir sind aber nicht insolvenzgefährdet." Noch vor Weihnachten will der Sachsen-Boss mit Wolfgang Frank verhandeln, um den beurlaubten Coach vielleicht doch vor Vertragsende (Juni 2006) von der Gehaltsliste zu bekommen. Ansonsten muss Leitzke wohl bis zum Sommer auf versprochene Verstärkungen warten. Heller: "Wir wissen, dass wir einen gestandenen Stürmer und einen kreativen Mittelfeldspieler brauchen."
Vorerst aber ist Geduld gefragt, das riesige Talent-Potenzial zu erschließen. "Dazu gibt es keine Alternative", meint Manager Achim Jungnickel, "es ist der einzige Weg, etwas Nachhaltiges aufzubauen. Wir haben seit Jahren mal wieder die Chance, eine bodenständige Leipziger Mannschaft mit Perspektive zu entwickeln." Außer Ersatzkeeper Eric Domaschke (wird heute 20), dessen Vertrag ausläuft, sind alle jungen Oberliga-Kicker bis 2007 gebunden.
Jungnickel verweist darauf, dass der FC Sachsen den Großteil der sächsischen Nachwuchsauswahl stellte, die erstmals den Länderpokal gewann, dass das kostenintensive Leutzscher Nachwuchszentrum laufend Talente produziert, dass sich die A-Jugend in der Bundesliga mit HSV, Bremen, Hertha misst und gerade Hannover 2:1 geschlagen hat. Drei bis vier Spieler aus der Schößler-Truppe hätten das Zeug, bald bei den Männern mitzumischen. "Die Jungs erst auszubilden und dann wegzuschicken, das wäre Wahnsinn", sagt der Manager.
Ein anderer Verein würde für langfristig angelegte Aufbauarbeit gefeiert, in Leipzig aber wird kurzfristiger Erfolg verlangt. Der FC Sachsen hat sich den Aufstiegsdruck selbst gemacht. Wegen des supermodernen Stadions, der WM, der Sponsoren, der großen Fangemeinde. Keiner will auf eine über Jahre gereifte Mannschaft warten. "Wenn wir nicht aufsteigen, laufen uns die besten jungen Spieler weg", befürchtet zudem Heller. Es ist ein Dilemma, aus dem es nur einen Ausweg gibt: Siege, die Hoffnung machen, Geldgeber und Anhänger bei der Stange halten. Hans-Jörg Leitzke will kämpfen. "Dieses Team voranzubringen, ist eine reizvolle Aufgabe." Und: "Ich bin überzeugt, dass wir schon gegen Halle die Kiste treffen." Twardzik, der alte Mann hinter den grünen Jungs, würde sich freuen.