FC Sachsen nach Pößneck-Pleite: Leitzke verschärft Ton, Jungnickel droht Konsequenzen an, Heller ringt um Finanz-Konzept
Sein Saisonziel hat der FC Sachsen schon lange verspielt, jetzt laufen die Kicker aus der WM-Stadt auch noch Gefahr, zur Lachnummer der vierten Liga zu werden. „Das war die schlechteste Leistung, seitdem ich hier Trainer bin, da gibt es nichts zu beschönigen“, kommentierte Hans-Jörg Leitzke die blamable 0:1-Niederlage bei den Feierabend-Fußballern des VfB Pößneck. „Es darf nicht sein, dass die Mannschaft sich so gehen lässt“, schimpfte Sportdirektor Achim Jungnickel. „Allein mit diesen jungen Spielern ist der Aufstieg nicht zu schaffen“, räumte Präsident Rolf Heller ein, der jedoch wegen der ungeklärten Finanzlage immer noch kein fundiertes Konzept für einen Regionalliga-Angriff im kommenden Spieljahr vorzuweisen hat.
Leitzke suchte gestern nicht nach Entschuldigungen, sondern nahm sich seine Versager zur Brust. „Ich habe der Mannschaft klipp und klar gesagt: Wer noch einmal solche primitiven Fehler macht, wird unter meiner Regie zunächst nicht mehr auflaufen und es künftig sehr schwer haben, egal wie er heißt.“ Trotz der unbefriedigenden Rückrunde sieht der 45-Jährige indes keinen Grund, seine Arbeit in Frage zu stellen. „Wir haben sechs Monate lang intensiv und professionell trainiert, sind aber für den riesigen Aufwand nicht belohnt worden.“ Das unerfahrene Team habe zwar bis auf Pößneck ordentlich gespielt, es jedoch versäumt, in wichtigen Partien die „big points“ zu machen und sei jetzt in ein Loch gefallen. Es fehle an Kaltschnäuzigkeit im Abschluss, an Konzentration. Dem Spannungsabfall will Leitzke mit härterer Gangart begegnen: „Wir müssen uns straffen, das wichtige Pokalhalbfinale gründlich vorbereiten.“
Jungnickel hatte die Schlappe vom Sonntag gestern noch nicht verdaut. „Pößneck besitzt nicht einen Spieler, der es bei uns in die erste Elf schaffen würde, die haben nur einmal aufs Tor geschossen und konnten kaum glauben, dass sie gegen uns gewonnen haben.“ Der entsetzte Sportdirektor wird genau hinschauen, „wer bei uns Ansprüche anmeldet, wer sich anbietet, wen wir noch brauchen können und wen nicht.“ Einen totalen Umbruch im Team werde es nicht geben, schränkt er gleichzeitig ein. „Wir verfolgen weiter unsere Linie. Aber es reicht nicht aus, dass einer jung ist, um bei uns eine Zukunft zu haben. Wir wollen Entwicklungen sehen“, droht Jungnickel.
Drei routinierte Verstärkungen müssten her, Schlüsselspieler für alle Mannschaftsteile, Leitfiguren. Seit Wochen reist Jungnickel gemeinsam mit Leitzke durch die Lande, beobachtet Kandidaten, hat bereits Namen im Kopf. Das Problem: „Mit diesen Leuten können wir höchstens flirten, ihnen aber keine Angebote unterbreiten.“
Gleiches gilt für die auf Eis liegenden Vertragsgespräche mit Daniel Ferl und Adebowale Ogungbure. „Wir hoffen, dass wir bis Ende April finanzielle Klarheit für konkrete Offerten haben“, so Jungnickel. Präsident Heller hält die Gehaltsforderungen beider Spieler allerdings für maßlos übertrieben: „Deshalb müssen wir uns fragen, ob wir die gleiche Qualität nicht deutlich preiswerter bekommen.“
Leitzke aber kann so kaum planen. „Natürlich bringt dieser Schwebezustand Unruhe in die Mannschaft“, weiß der Coach, der zudem befürchtet, neben Ferl und Ogungbure auch noch Talente wie Ronny Garbuschewski und Maximilian Watzka zu verlieren, „wenn wir ihnen nicht zeitnah eine Regionalliga-Perspektive bieten und höherklassige Vereine sie herauskaufen“.
Beim Wort Perspektive überkommt Heller leichtes Gruseln. Denn ohne konzertierte Aktion kein Aufschwung. „Bisher ist uns nicht gelungen, Stadt, Wirtschaft und Stadionbetreiber klarzumachen, welche Vorteile ein Verein im bezahlten Fußball für Leipzig bringen würde“, gesteht der Präsident, „alle warten ab, verhalten sich restriktiv.“ Woher also das Geld nehmen für eine große Lösung? Neue Schuldenberge nebst Insolvenz-Risiko lehnt der Sachsen-Vorstand ab. Vieles hängt von Michael Kölmel ab, von seinen Millionen in einer oft beschworenen „strategischen Partnerschaft“. Laut Heller gibt es zwar keine unüberbrückbaren Hürden, aber bisher nur Vorgespräche: „Wir hoffen trotzdem, dass wir kurzfristig einen Konsens finden.“
Bleibt der Verein ganz auf sich allein gestellt, wären die Konsequenzen bitter. „Im Extremfall müssten wir aus dem Zentralstadion zurück nach Leutzsch, unser Nachwuchszentrum aufgeben und kleine Brötchen backen“, weiß Heller. Tritt diese Schreckensvision ein, wäre nicht nur er persönlich gescheitert, sondern wohl auf Jahre hinaus auch der Leipziger Fußball. Heller hält das für unwahrscheinlich, sucht nach einem Mittelweg – und verlangt positive Signale von der Mannschaft. Peinliche Pannen wie in Pößneck verschrecken auf Dauer selbst die geduldigsten Geldgeber.
Quelle LVZ