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Gekonnt jongliert Henning Frenzel den Ball vom rechten auf den linken Fuß und zurück. Immer wieder. "Klappt noch ganz gut", sagt er und lächelt. 56 Länderspiele bestritt er für die DDR, und wenn er von damals erzählt, kommt Frenzel schnell aufs Uefa-Cup-Halbfinale 1974 zu sprechen. Mit Lokomotive Leipzig gegen Tottenham Hotspur, "vor 100.000 Zuschauern im Zentralstadion. Leider 1:2 verloren." Kürzlich feierte der 62-Jährige B-Jugend-Trainer des 1.FC Lok Leipzig sein Comeback als Spieler. In der ersten Mannschaft, dritte Kreisklasse, Staffel 2, 11. Liga. Ganz unten, weil laut DFB-Statuten Lok als neu gegründeter Verein in der niedrigsten Liga beginnen muss. Trotz des großen Namens. Trotz aller Tradition. 3.500 Fans kamen ins alte Bruno-Plache-Stadion, das so aussieht, als stünde die Wende noch bevor. "Mein erstes Punktspiel seit 1978 und gleich vor so vielen Leuten", sagt Frenzel, "das hat mich bewegt, da werden große Erinnerungen wach." Mehr noch: Die neue Euphorie lässt Visionen entstehen für eine bessere Zukunft des Leipziger Fußballs. Mike de Vries, ehemaliger Geschäftsführer der Olympia-2012-GmbH, die Ende September liquidiert wurde, sagt: "Die Begeisterung der Wirtschaft für die Olympia-Bewerbung, diese Aufbruchsstimmung, muss jetzt auf das Thema Fußball gelenkt werden. Allein die vielen Menschen, die die beiden Traditionsvereine unterstützten, sind Anreiz für Investoren. Und durch den Konföderationen-Cup 2005 sowie die WM 2006 steht Leipzig im Fokus. Es wäre fatal, wenn wir diese Chancen verstreichen ließen." De Vries will sich engagieren, "egal in welcher Funktion" - allerdings bei Sachsen Leipzig, dem Erzrivalen von Lok. Er ist in Gesprächen mit Firmen, mit Leipzigs Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee, und bald will er Kontakt zu Michael Kölmel, Betreiber des Zentralstadions, aufnehmen. "Wir brauchen eine mittelfristige Strategie. Die Nagelprobe ist das Länderspiel gegen Kamerun am 17. November. Leipzig muss zeigen, was es kann. Es muss Vertrauen aufgebaut werden." Die Bereitschaft zu Investitionen war bei Sponsoren erschüttert worden, weil bei beiden Vereinen Misswirtschaft betrieben wurde. Auch deshalb ist Leipzig, im Jahr 1900 Gründungsstadt des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und bei der WM 2006 einziger Spielort in Ostdeutschland, nur Fußball-Provinz. Sachsen spielt nach der Insolvenz und dem Abstieg aus der Regionalliga in der Oberliga Nordost-Süd - vor durchschnittlich 6.000 Zuschauern im neuen Zentralstadion, das für die WM 44.345 Fans fasst. Der Saison-Etat von 1,9 Millionen Euro weist eine Unterdeckung von 300.000 Euro auf, und vorige Woche trat nach einem Streit mit dem Aufsichtsrat der Vorstand um Präsident Christian Rocca (36), einem Banker, zurück. Als Nachfolger steht AOK-Direktor Rolf Heller (60) bereit, der 1996 Eintracht Frankfurt vor der Pleite bewahrte und zuletzt Zweitliga-Aufsteiger Rot-Weiß Erfurt beriet. Wirtschafts-Experte De Vries meint: "Auch dieser Neubeginn bietet eine große Chance." Der VfB Leipzig, 1903 erster Deutscher Meister, wurde nach zwei Insolvenzen aufgelöst. "Da mussten wir was tun, wegen der vielen Jugendspieler", sagt Steffen Kubald (42). Der Koch begleitete den Klub 30 Jahre als Fan, eher er ihn im Dezember 2003 mit neun Freunden neu gründete - unter dem alten Namen aus DDR-Zeiten: 1.FC Lokomotive Leipzig. Sie ahnten nicht, welche Euphorie das auslösen würde. Heute ist Kubald ehrenamtlicher Vorsitzender, und auf seinem Schreibtisch im Plache-Stadion liegen stapelweise Aufnahmeanträge. "Schon fast 800 Mitglieder. Die Loksche dampft wieder", sagt er mit sächsischem Akzent. "Wir haben vielen Fußball-Freunden die Heimat wiedergegeben. beim Straßenverkehrsamt werden die Nummernschildern mit den Ziffern L-OK knapp. Das Beste aber: Wir kalkulierten in der Kreisklasse mit nur 300 Zuschauern pro Spiel." Da tatsächlich mehr als zehnmal so viele Menschen kommen, ist der Etat von 400.000 Euro bereits gedeckt, der Spielbetrieb für 19 Teams von der F-Jugend bis zur 2. Frauen-Bundesliga gesichert. Kubald: "Sogar die Gegner freuen sich, weil wir denen die Sportplätze füllen. Damit alles friedlich abläuft, bringen wir immer eigene Ordner mit." Die Gegner in der Kreisklasse heißen AC Taucha, Einheit Ost oder Automation. Gegen Großdeuben II soll Lok am 9. Oktober erstmals wieder im großen Zentralstadion spielen. 13.000 Zuschauer werden erwartet. Wieder wird Lok überlegen siegen, die Mannschaft ist viel zu stark für die 11. Liga. "Über 100 Spieler bewarben sich bei uns", sagt Trainer Rainer Lisiewicz, der einst mit Frenzel im Europapokal spielte. "Der Name Lok mobilisiert, das hat vielleicht mit der so genannten Ostalgie zu tun." Er wählte 25 Amateure aus. Stürmer Uwe Trommer jedoch hat Bundesliga-Erfahrung für den VfB Leipzig. Lisiewicz: "Wir wollen den Fans schönen Fußball bieten. Deshalb hatte ich die Idee, sporadisch unsere Ex-Stars wir Frenzel und bald Heiko Scholz einzusetzen. Und ich erteilte Vorgaben: Zu null spielen, soundso viele Tore per Kopf. Wir spielen freiwillig mit Handicap." Ein größeres Problem: Lok muss kleine Schritte gehen, um wieder nach oben zu kommen. Landesligist Hausdorf lehnte eine Fusion ab. Lok hätte sechs Ligen übersprungen. Rivale Sachsen kann durchatmen - vorerst.
(Quelle "Sport-Bild" von Jörg Althoff)