Gespielte Randale: Polizei übt WM-Einsatz auf der Lohmühle
Lübeck - Es sah wie im richtigen Leben aus. 250 Beamte probten den Ernstfall, trennten Fan-Gruppen und pickten die Rädelsführer heraus.
Liechtenstein führt 3:0 gegen Brasilien. Da flippen die südamerikanischen Fans aus und werden zu Hooligans. Sie beschimpfen, bepöbeln und bedrohen die kleine Anhängerschar aus dem Zwergstaat. Die Polizei muss eingreifen und einige brasilianische Gewalttäter aus dem Block führen.
Das ist keine Geschichte aus einer TV-Soap, sondern eine Szene, die gestern auf der Lübecker Lohmühle durchgespielt wurde. Die 5. Einsatzhundertschaft aus Hamburg probte einen möglichen Ernstfall bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006.
Aber warum wurde gerade das Stadion des VfB ausgesucht, wo keine WM-Spiele stattfinden? "Alle Arenen haben bauliche Ähnlichkeiten. Die Fluchtwege sind identisch, die Zuwege meist eng", begründet Claus Reuter, der Verantwortliche für diese Übung, die Maßnahme. "Außerdem werden unsere Hamburger Beamten nicht nur in der AOL-Arena, sondern auch in anderen Stadien eingesetzt. Und die kennen sie auch nicht."
Als gestern gegen 12.20 Uhr 30 Mannschaftswagen und ein Polizeibus auf das Gelände bei den Pappeln vorfuhren und rund 250 Beamte, teilweise in Uniform und Helm, aus den Fahrzeugen kletterten, zuckten einige vorbeigehende Passanten zusammen. "Was ist denn hier los?", fragte einer ganz erschrocken. Zwei Schüler hingegen übersahen die starke Polizeipräsenz und meinten, sie müssten sich vor den Augen der Beamten prügeln. Sie wurden zunächst festgenommen und die Personalien notiert.
Das war ungewollte Realität - was danach folgte, war gespielt. Eine Gruppe Polizei-Schüler, in Trikots von Borussia Dortmund, Bayer Leverkusen, von Michael Ballack und der polnischen Nationalmannschaft, mimte die Hooligans (von Reuter als "Brasilianer" bezeichnet), die andere Gruppe stellte die netten Liechtensteiner dar. Drei Übungen standen auf dem Programm: Das Aufeinandertreffen der unterschiedlichen Parteien vor der Lohmühle und die Reaktion der Polizei, das Trennen der Rivalen auf der Tribüne (als es 3:0 für den Außenseiter stand) und zum Schluss das Herausgreifen einzelner Fans, die Gegenstände aufs Spielfeld geworfen hatten.
"Die Polizisten haben die Ruhe bewahrt, und die Polizei-Schüler die Situationen wahrheitsgetreu nachgestellt", zog Christoph Karstens, der stellvertretende Hundertschaftsführer, ein positives Fazit.
Geübt wird nicht nur auf der Lohmühle (der VfB stellte seine Anlage gestern kostenfrei zur Verfügung), sondern überall in deutschen Stadien, auf Flugplätzen, in Bundesbahnzügen und in den Großstädten, wo die WM-Partys stattfinden. "Wir können ruhigen Gewissens sagen, dass alles Mögliche für die Sicherheit getan wird", sagte Wolfgang Niersbach, der Vize des WM-Organisationskomitees. Die Kosten von mehreren hundert Millionen Euro werden unter Bund und Ländern aufgeteilt.
Die Polizei, für die eine Urlaubssperre während der WM (9. Juni bis 9. Juli) gilt, soll aber für die vielen Fußball-Touristen auch "dein Freund und Helfer" sein. Auf Französisch oder Englisch sollen die Beamten die Fans ansprechen können. Die Hochschule für Polizei in Villingen-Schwenningen hat eigens dafür einen Sprachführer entwickelt. "Wir freuen uns auf die WM", betont Karstens. "Auch wenn auf alle Beamte eine hohe Belastung zukommt."
Von Peter-Wulf Dietrich, LN
ln-online/lokales vom 14.09.2005 01:00