Gestern 17:30 Uhr traf ich mich mit zwei Freunden, um nach Jena zu fahren und zuzusehen, wie der FCC im Nachholspiel gegen den noch punktlosen Tabellenletzten aus Saarbrücken, die Punkte 7, 8 und 9 einfährt und somit das erste Fünftel der zum Klassenerhalt benötigten 45 Punkte klar machen würde.
Ich gebe zu, bereits vor dem Spiel eine ungute Ahnung gehabt zu haben, weiß man doch aus eigener Erfahrung, dass Jena zum einen immer gerade solche Spiele verkackt von denen man klipperklar 3 Punkte erwartet (z.B. letzte Saison Burghausen 0:0 oder Dresden 0:4) und zum anderen (zumindest in der jüngeren Vergangenheit) noch fast jedem Totgesagten neues Leben einhauchen konnte.
Meine zwei Begleiter waren diesmal nicht sooo die echten Jena-Fans. Der eine war noch nie in Jena im Stadion (gut möglich das sich das auch nicht wiederholt), der andere war zu seeligen Zweitligazeiten schon paar Mal im Ernst-Abbé-Sportfeld, wohnte dort allerdings stets und ständig nur Niederlagen bei. Erschwerend kommt bei ihm noch hinzu, dass er mit einem hässlichfarbenen Verein aus den nördlichen Ländereien Unterhachings sympathisiert.
Verheerende Tendenzen also bereits im Vorfeld.
Ich hatte das Vergnügen bei diesem Fußball-Ausflug den Chauffeur zu geben. Kurz vor Jena (wir kamen die B7 aus Richtung Eisenberg rein) kreuzte eine schwarze Katze vor uns die Straße. Sie schien sich nicht sicher zu sein ob sie die richtige Laufrichtung gewählt hatte, um dem ihr angedichteten Aberglauben gerecht zu werden. Infolgedessen entschied sie sich, am anderen Ufer der Straße angekommen, sicherheitshalber wieder zurück zu laufen, was ihrer persönlichen Sicherheit allerdings nicht wirklich zuträglich war. Sie hat´s aber wohl gerade so geschafft. Nun bin ich ja ein klitzekleines Bissel abergläubig (zumindest was den Fußball angeht), verdrängte diesen Vorfall dann aber doch. In der Stadt fiel mir dann noch ein Mann auf, der vor einer Apotheke mit einem Schrubber und einem Wischeimer zu gange war. Ja, ja, die Jenenser sind schon ein sauberes Völkchen, die wischen sogar die Fußwege. Und das mitten in der Woche!
Da ich den beiden potenziellen „Neukunden“ einen ordentlichen Blick aufs Spielfeld gewähren wollte, hatte ich per Online-Ticketing drei Sitzplätze auf der Gegengeraden fast ganz oben gebucht.
Als wir dort ankamen und Platz nahmen waren die Mannschaften bereits beim Aufwärmen und – sieh an – kein Orlando war auf dem Platz zu sehen, weder bei der ersten Elf, noch bei den Reservespielern. Was´n nu wieder los? Hat der sich etwa beim Training verletzt? In der Zeitung stand nichts davon, also müsste das ja erst heute passiert sein, wenn´s so wäre.
Naja gut, in Sandhausen ging´s ja auch ganz ordentlich ohne ihn. Wird schon werden gegen die Kellerkinder!
Dann war es soweit und pünktlich pfiff der Schiri das Spiel an. Die ersten fünf Minuten sah es auch ganz gut aus, dieser Eindruck legte sich dann aber alsbald. Es waren die Spielminuten 6 und 9, in denen sich die Jenaer Hintermannschaft praktisch selbst die Tore rein machte. Nun weiß der geübte Jena-Fan zwar, dass ein 0:2- Rückstand ebenso wenig zu bedeuten hat wie eine 2:0- Führung, aber trotzdem kochte es in mir bereits zu diesem Zeitpunkt gehörig. Das wurde nicht besser, als nach 20 Minuten die Saarländer freundlich zum 0:3 eingeladen wurden und natürlich gern annahmen. Blankes Entsetzen allerorts in den Gesichtern und nun auch reichlich Pfiffe – zu recht. Ein 0:2 ist ja schon so manches Mal noch nach der Pause gedreht oder zumindest egalisiert worden, aber nun stand es bereits 0:3 und die Mannschaft machte heute außerdem auch nicht den Eindruck, als ob sie im Stande wäre auch nur ein 0:1 auszugleichen. Obendrein waren es noch gefühlte 1,5 Stunden bis zum Halbzeitpfiff.
Inzwischen machte es in unserem Umfeld die Runde, dass Orlando nicht spielen darf, weil er nicht rechtzeitig auf die Spielerliste (oder wie das Ding heißt) gesetzt worden war und folglich der DFB die Spiele gegen Heidenheim und Dresden nicht als abgesessen für seine Rot-Sperre werten wollte. Tolle Wurst – was für ein professionell geführter Verein!!!
Aber Orlando hin oder her, hätte er mitgespielt, hätte es bestenfalls 1:3 gestanden statt 0:3, aber vermutlich noch nicht einmal das.
Die zweite Halbzeit begann und bereits kurz darauf fiel das 0:4.
Ich weiß nicht, ob es überall im Stadion so war, aber in dem Bereich, wo wir saßen, begann sich nun die Stimmung seltsam zu wandeln. Frust und Verärgerung wichen Ironie und Sarkasmus, später ging es dann noch ins Alberne über. Es wurde während der zweiten Halbzeit relativ viel gelacht. In Anbetracht der Tragödie auf dem Spielfeld eine höchst merkwürdige Situation.
Nach dem 0:5 brachen viele Leute im Stadion nach hause auf. Auch hinter uns sagte einer: „Los, wir hauen ab jetzt.“ Worauf sein Kumpel antwortete: „Ach komm, ein Tor gucken wir noch.“ Er bekam es dann auch alsbald zu sehen und sogar noch eine Zugabe in Form des 0:7.
7.000 Leute hatten gestern Abend ein historisches Heimspiel zu sehen bekommen. Komisch nur, daß die meißten von denen das einfach nicht zu würdigen wissen. So etwas wird einem vielleicht nur ein einziges mal im Leben geboten! Solch arme Kreaturen, wie z.B. Bayern-Fans, werden eine solche Erfahrung vermutlich nie machen dürfen.
Abgesehen davon, daß die Mannschaft geschlossen versagt hat (okay dem jungen Eismann, der in der 2. Hz. kam, will ich mal keinen Vorwurf machen), fiel mir besonders negativ Kapitän Carsten Nulle auf. Nicht nur das er bei zwei, drei Toren gaaaanz schlecht aussah, nein man hört und sieht auch nichts mehr von ihm. Was hat der früher seine Vorderleute nach brenzligen Situationen oder Gegentoren zusammengeschissen. Und heute? Nichts! Keine Reaktion, Schweigen. Man kann ihm seine Lustlosigkeit förmlich ansehen. Das war mir auch in Dresden schon aufgefallen. Ich fänd´s gut, wenn der bis Ende August doch noch nen anderen Verein finden würde. Dann wäre auch gleich noch ein weiterer Schwerverdiener von der Gehaltsliste und Wasili stünde ja angeblich sofort zu einer Rückkehr nach Jena bereit.
Ach ja, und die Sache mit der zu spät beantragten Spielberechtigung für Orlando - EINFACH NUR PEINLICH HERR KURBJUWEIT !!!
Als wir das Stadiongelände verließen, hörten wir noch Lautsprecherdurchsagen, dass irgendwelche Leute doch bitte den Stadioninnenraum verlassen mögen und später soll es ja auch vorm Stadion noch Randale gegeben haben, aber da waren wir schon auf dem Weg nach hause. Vor der Apotheke, welche mir schon auf der Hinfahrt aufgefallen war, stand der selbe Mann, der – den Schrubber in den verkrampften Händen haltend und mit verzweifeltem Gesichtsausdruck in Richtung einer Lache auf dem Gehweg schauend - lauthals schimpfte.
Zwei Querstraßen weiter sah ich zwei offensichtlich betrunkene Pferde torkelnd im Dunkel der engen Gasse verschwinden. Die werden dem armen Mann doch nicht etwa vor seine Apotheke ….
…. obwohl, würde schon irgendwie passen zu diesem denkwürdigen Abend.