Hier noch was richtig gutes (Augenzeugenbericht eines normalen Dynamo-Fans) ***echt lesenswert***
Zitat
Ein trauriger Dienstag Teil 1
Vorgeschichte:
1. Runde im DFB-Pokal. Es regnet schon den ganzen Tag und Leverkusen führt mit drei Toren. Das Spiel ist gegessen und trotzdem macht der K-Block weiter Stimmung. Keine Aggression, kein schlechte Stimmung, einfach weiter machen... War ja klar, dass heute nichts zu holen sein wird.
Dann erst Schuppan mit dem Kopf. Ok... Anschlusstreffer. Zwei Minuten später wieder Kopfballtor, diesmal Robert Koch. Das Stadion tobt, hier geht noch was und tatsächlich ist der Ausgang jedem Fußballinteressiertem im Lande geläufig. Es gibt sogar ein wenig Hoffnung, denn direkt nach dem Führungstor meint ein geistig Verwirrter eine Bengalo zu zünden, doch innerhalb von kürzester Zeit ist es gelöscht und der ganze Block macht klar, was er davon hält.
Nach dem Spiel verlässt die Menge das Stadion und wenn man sich umschaut, sieht man ungläubige Gesichter, auf denen sich langsam eine Gewissheit breit macht... Ich bin dabei gewesen!
1. Akt
Nach dem ersten Schreck der Auslosung für die zweite Runde kommt langsam die Gewissheit durch: Viel besser hätten wir es nicht treffen können.
Statt nach der Sensation irgendwo in Trier vor 10.000 Fans zu spielen und dann auch noch auszuscheiden, gibt es mit dem Spiel in Dortmund vor allem eins, ordentlich Geld für die klamme Vereinskasse. Nicht nur, dass die Zuschauereinnahmen geteilt werden, auch ein Fernsehspiel gibt es und dazu hat man nichts zu verlieren. Wenn man ausscheidet, ist es halt so.
Von Anfang an ist die Euphorie groß, alle wollen hin fahren und ziemlich schnell wird klar, dass die Karten unmöglich für alle reichen werden. Ich selbst wollte eigentlich nicht, doch dann sagt ein Freund ab und so richtig muss ich nicht zweimal überlegen, jetzt, wo klar ist, was uns dort erwartet.
So ging es am Tag des Spiels um elf in Dresden los, zusammen mit sechs anderen, positiv Dynamo-Verrückten. Das ich nicht mit den Anderen zusammen sitzen würde, sondern im Dynamoblock stehen würde, stört mich nicht. Zuerst bin ich sogar froh drüber. Zwar hab ich mit dem harten Kern nichts zu tun, doch ich bin schon stolz, dass ich in dieser Saison jedes Heimspiel gesehen habe, jeweils auch im Stehblock, oben, hinterm Tor.
Die Stimmung im Auto ist gut, euphorisch. Die Europapokalshirts werden angezogen und man stellt mal wieder fest, dass ein dezenter Größenwahn einfach zum Dynamosein gehört.
Schon auf der Autobahn wird uns bewusst, was da heute auf uns zu kommt. Aus gefühlt jedem dritten Auto baumelt ein Dynamoschal und Busse sind aus Prinzip schwarz-gelb besetzt. Über 10.000 Dynamos werden erwartet. An einem harmlosen Dienstag, mitten in der Woche und dann zu einem Spiel, was nun nicht direkt um die Ecke liegt. Unweigerlich macht sich das Gefühl breit, dass unser kleiner Gurkenverein doch schon ziemlich cool sein muss.
2. Akt
Spätestens in Dortmund wird es immer schlimmer, doch die Einheimischen scheinen sich noch nur ungläubig zu freuen. Fast vier Stunden sind es bis zum Spiel und die Auto- und Menschenmenge auf dem Parkplatz vorm Stadion reißt nicht ab. Leider ist hier schon mehr als nur zu erahnen, dass es nicht ruhig abgehen wird, denn das überproportionale Aufkommen von Jogginghosen und Sonnenbrillen ist nicht dem Wetter geschuldet.
Langsam wird die Masse immer größer, die Stimmung ist noch relativ entspannt, voller Vorfreude und erste Lieder werden angestimmt. Doch schon jetzt fliegen erste Böller und Flaschen, noch einfach nur in die Ecke und unweigerlich stelle ich mir die Frage: „Wieso?"
„Der gemeine Dynamofan kann sich einfach nicht benehmen" kommt es von unserem Dienstältesten und mit immer mehr Unwohlsein verfolge ich, wie die alleinige Anwesenheit von Polizei bei vielen im Kopf etwas auslöst, dass den Aggressions-Geifer nur so aus den Mundwinkeln rinnen lässt.
Langsam setzt sich der Fanmarsch in Bewegung, gesichert von etlichen Polizisten und doch lassen wir uns lieber Zeit, schließen uns dem Mob erst am Ende an. Immer mit dem unguten Gefühl, ob man wirklich zu dieser Menge gehören will.
Langsam nähert man sich dem Stadion. Hier hinten ist die Stimmung bei fast allen eher gelöst und voller Vorfreude, doch ich schaue auch auf die Sicherheitskräfte und andere Personen, die vom Rand aus schon die Spitze des Marsches erlebt haben und bekomme bei deren Gesichern ein schlechtes Gewissen.
Auf einmal wird es auch bei uns mehr als grenzwertig. Neben der Straße überholt uns eine Straßenbahn mit Dortmundfans und schon fliegt die erste volle Bierflasche und die Scheibe ist gesprungen. Links und rechts werden Böller geworfen und bei einigen reicht die geistige Brillanz offensichtlich nicht mal so weit wie der nächste Schritt, denn auch hier leuchten Bengalos den Weg.
Inzwischen ist die erste Euphorie vollkommen verflogen. Ich schüttel nur mit dem Kopf und blicke verschämt auf die stillen Beobachter. Mir tun die Polizisten leid.
Auf einmal gibt es auch direkt neben uns einen Tumult. Laute Rufe, wieder zerbrechen Flaschen und eine kleine Traube ringender Menschen bildet sich. Während wir nur schnell das Weite suchen, kommen uns zwei Halbstarke mit wippendem Schritt und unvermeidlicher Jogginghose entgegen und gehen feixend in Richtung der Prügelei.
Keine Minute dauert es und auch eine Abteilung der Polizei kommt uns entgegen gerannt und so richtig will ich gar nicht wissen, was eben noch hier los war, wenn man die am Rand sitzenden und sich die Augen reibenden Verrückten betrachtet.
Endlich ist das Stadion in Sicht, doch die Tore sind noch zu.
Wir warten, bis auf einmal die freundliche Frau im Wasserwerfer eine Durchsage macht, nach dem Motto, wenn sich alle benehmen, kommt ihr bestimmt auch bald rein. Als Dank gibt’s ne Bierflasche, geworfen aus der Menge, während wir nur schauen, wohin die Wasserkanonen zielen.
Dann kommt noch die Frage von einem Bekannten, ob wir mit nach Düsseldorf fahren wollen, in den einschlägigen Foren wäre für dort schon eine richtige Pyro-Show angekündigt. Zum letzten Mal hab ich ein wenig Hoffnung, dass sie sich wenigstens im Stadion benehmen...
Ein trauriger Dienstag Teil 2
3. Akt
Direkt vorm Einlass geht es immer schneller. Warum ist kein Wunder, denn kontrollieren kann man das echt nicht mehr nennen. Meinen Freund klopfen sie ab, fragen: „Zigaretten?", er nickt und alles ist klar. Selbst ich als Unbegabter hätte alles in den Block schmuggeln können.
Im Stadion trennen sich unsere Wege und ich suche mir den Eingang zum Block 61. Was auffällt ist, dass man sich im Stadion frei bewegen kann, nicht wie bei unseren Heimspielen, wo der Block abgeriegelt ist. An sich schon ne gute Sache, wenn man an das Kommende denkt...
Der Block ist schon voll und ich habe keine Übersicht. Ich stelle mich einfach irgendwo hin, einen Wellenbrecher im Rücken, das schadet nie. Leider kann ich von hier aus nicht die ganze Kurve überblicken, doch was ich an Dynamos erkennen kann, macht mich schon stolz, solange ich mir nicht DIESES direkt in meinem Umfeld ansehe.
Doch ich bin überrascht. Praktisch keine Schmähgesänge, keine Beleidigungen in Richtung Dortmund, selbst der persönliche Freund aller Dresdner Peter Gagelmann wird kaum beachtet. Direkt hinter mir hat sich schon ein Prachtexemplar aufgestellt, mit Sonnenbrille, Kapuze, Handschuhen und viel zu viel Alkohol intus. Er wird mich noch öfters beschäftigen.
Der neben mir hat in der Zwischenzeit alle Hände voll zu tun. Jeder, der einfach nur ein Foto oder ein Video vom Stadion und der Stimmung machen will, wird angepöbelt: „Mach die Scheiß Kamera aus! Warst du noch nie beim Auswärstsspiel?!?" Dazu kommt noch der Hinweis von ihm an einen seiner Freunde, der kaum noch geradeaus schauen kann: „Bind dir mal lieber nen Schlal vors Gesicht"
Die Südtribüne füllt sich langsam und sie ist schon verdammt beeindruckend. Vor allem wenn man bedenkt, dass dort so viele Menschen stehen, wie bei uns ins Stadion passen. Trotzdem bin ich ein wenig enttäuscht. Kaum Stimmung vor dem Spiel und dann noch nicht mal ne richtige eigene Hymne. Da kommt von uns schon wesentlich mehr.
Zum Einmarsch geht es dann los. Vor und neben mir werden die ersten Bengalos gezündet und schnell ist der Qualm so beißend, dass ich mir den Schal vor den Mund halte. Der neben mir hilft ganz freundlich und mit dem Hinweis: „Auch dafür ist ein Schal gut" verknotet er ihn hinter meinem Kopf. Doch es wird noch schlimmer. Genau neben uns, qualmt noch was anderes und stinkt so erbärmlich, dass man trotz Schal für etliche Minuten kaum Luft bekommt.
Endlich können wir wieder atmen und was sehen, wenn auch nicht viel. Fahnen, Schals und Hände verdecken meist einen Großteil des Spielfeldes, doch ich bekomme eh nicht viel mit. Die Stimmung ist toll und es wird gesungen, geklatscht und eine riesige Party gefeiert. Selbst als das Gegentor fällt, ist nur kurz Ruhe, dann geht es weiter, denn wirklich überraschend kommt es nicht.
Es gibt sogar Wechselgesänge... Und das Auswärts, die meisten Fans schaffen das noch nicht mal zu hause.
In der Pause kommt man ein wenig zur Ruhe und ich leider dazu, dem Gespräch des Typens hinter mir zu lauschen.
„Kommst du mit pissen?"
„Nein ich war schon"
„Hä? Wieder in den Becher?"
„Nö... Einfach hier gegen das Geländer"
Was soll ich da noch sagen.
Hälfte Zwei beginnt und so wie es aussieht, gibt es noch reichlich zu zündeln. Diesmal kommt noch ein schwarzer Ascheregen dazu, der uns einhüllt und rußverschmiert zurücklässt. Langsam wird auch die Stimmung aggressiver. Mein Hintermann beweist überragenden Fußballsachverstand, indem er innerhalb von fünf Minuten folgenden zwei Sprüche reißt.
„Die erste Hälfte war Scheiße, die haben doch nicht eine Chance gehabt"
Kurz darauf:
„Lasst euch doch nicht so hinten rein drängen. Spielt wieder so wie am Anfang, da habt ihr wenigstens noch nach vorne gespielt."
Dazu kommen jetzt auch die unvermeidlichen Provokationen. „Dortmunder ***** nsöhne... Ihr seid Wessis... Wir sind Dresdner Hooligans"
Meine Denkweise: "Man muss nicht alles mitsingen", scheine ich exklusiv zu haben. Doch ein paar Dortmunder im benachbarten Sitzbereich lassen sich provozieen, stehen auf und winken einladend. Da der Block gemischt ist, gibt es ein paar dort sitzenden Dresdner, die sich nicht zwei mal bitten lassen. Ordner schreiten ein und die ersten Zuschauer verlassen ängstlich das Stadion. Es wird langsam ganz finster.
Kaum einen interessiert noch das Spiel. Selbst die Plakate in der Südkurve bekommt kaum einer mit. Gott sei Dank!
In dem ganzen Trubel geht sogar unter, dass Dedic die größte Dynamochance vergibt. Überall soll Polizei sein und eigentlich will man denen nur noch eins auf die Fresse hauen. Ich schaue nur noch ständig auf die Uhr und hoffe, dass gleich Schluss ist und ich abhauen kann. Endlich ist es soweit und schnell kämpfe ich mich gegen den Strom zum Ausgang, während die Masse in den Dortmunder Block will. Doch ich bin nicht scharf auf eine Ladung Pfefferspray.
Endlich draußen gibt sich mir ein trauriges Bild. Dortmunder Fans hasten eilig und ängstlich nach hause, während die meisten Dynamos kopfschüttelnd und enttäuscht von den ***** en zu ihren Autos und Bussen gehen. Von drinnen hört man noch ein paar Nachrichten, erst, dass Polizisten auf Dynamo-Ordner los gegangen sind, dann dass sich Dresdner Hools als Ordner verkleidet haben...
Am Auto treffen wir uns und von der euphorischen Stimmung ist nichts mehr zu spüren. Es ist eine Mischung aus Wut und Trauer, über die ***** en und das Bild, das man so wieder abgegeben hat.
Epilog
Ich sitze im Auto und versuche meine Gefühle und Gedanken zu ordnen.
Die Enttäuschung überwiegt. Eine Enttäuschung über eine verpasste Chance. Ich will gar nicht daran denken, was los gewesen wäre, wenn 12.000 Dresdner in Dortmund eine riesige Party gefeiert hätten, ihre Mannschaft auch nach dem Rückstand unterstützt und all den anderen Mist sein gelassen.
Aber so haben wir uns als Dynamo mal wieder nur vor der ganzen Nation live im Fernsehen blamiert und all die Klischees wieder bestätigt.
Doch all diese Gedanken führen unweigerlich zu einer Frage: "Was kann man tun?"
Man muss diese ***** en, und nichts anderes sind sie, aus dem Stadion kriegen. Nur wie? Eine Selbstreinigung wird es nicht geben. Dafür gibt es zu viele die mitlaufen, die es einfach still dulden.
Kommen wir an sie ran?
Ich stand dazwischen. Direkt neben mir wurde gezündelt wie selbst nicht zu Silvester. Nur ich hab keinen erkannt. Alle sind vermummt, wechseln ihre Sachen und stehen in einem Moment da und in einem dort. Und selbst wenn. Sollen Zivilfahnder zwischen hunderten gewaltbereiten Ultras verdeckt ermitteln. Soll eine Polizeistaffel den Block stürmen?
Es gibt nicht viel was hilft. Personendaten auf Eintrittskarten. Ja... Gerne auch mit einem Foto!
Keine Stehplätze mehr. Vielleicht... Macht die Sache übersichtlicher, aber auch teurer und ist nicht gut für die Stimmung.
Am Ende müssten sich diese Leute einfach nur entscheiden:
Wollen sie Ultras sein und ihr Fan-Sein so ausleben, wie sie es für richtig halten oder sind sie Dynamofans und geben alles für den Verein?
Edit - Quellenangabe:
Teil 1: http://www.spox.com/...trauriger-Dienstag-Teil-1,143641.html
Teil 2: http://www.spox.com/...rauriger-Diensttag-Teil-2,143651.html