Tabellenführer für eine Nacht
Ein unvergesslicher Abend im Seelenbinder-Stadion
LUCKENWALDE - Fast hätte der FSV-Elf eine Halbzeit zum Sieg gereicht. Aber auch nach dem Unentschieden waren die Schützlinge von Trainer Ingo Nachtigall für eine Nacht Tabellenführer in der Oberliga.
Der Fußballabend am Freitag im Seelenbinder-Stadion war der blanke Wahnsinn. Keiner der 550 Zuschauer brauchte sein Kommen zu bereuen. In der ersten Halbzeit war die Lichterfelder Elf, „gnadenlos effektiv“, urteilte Uli Wiesner. Wenn man 0:3 zurückliegt, kann man sich auch über ein 3:3 freuen“, fügte der Luckenwalder Ex-Apotheker und FSV-Sponsor hinzu.
Dass das Spiel am Ende 4:4 ausging, störte wohl kaum jemanden. Selbst FSV-Coach Nachtigall, der in der Halbzeitpause ein Machtwort sprach, sagte: „Es wäre nicht verdient gewesen, wenn der LFC verloren hätte. Wir wollen nach dem 0:3 die Kirche im Dorf lassen.“
FSV-Torwart Robert Petereit sieht es so, „die ersten 45 Minuten haben wir total verschlafen. Wir sind nicht in die Zweikämpfe und ins Spiel gekommen. Durch den verwandelten Elfmeter haben wir Lunte gerochen. In der zweiten Hälfte war es ein megageiles Match, das wohl keiner so schnell vergessen wird. Richtig freuen kann ich mich aber nicht, denn wir lagen eine Minute vor Schluss sogar mit 4:3 in Führung. Aber so ist Fußball.“
Über den Elfmeter kurz vor der Halbzeitpause, den die Schiedsrichterin Anja Kunick den FSV-Fußballern zugesprochen hatte, waren die Meinungen geteilt. Gästetrainer Michael Wolf lag mit seiner Kritik mit dem 1. Vorsitzenden des LFC Berlin, Olaf Fechner, auf gleicher Wellenlänge. „Das war niemals ein Elfmeter“, beteuerten beide.
Im Großen und Ganzen hat aber die Leipziger Schiedsrichterin dieses turbulente, wie gutklassige Oberligaspiel einwandfrei über die Bühne gebracht. Kunick, Jahrgang 1975, hat bis zu ihrem 20. Lebensjahr selbst in Lissa, einem kleinen Ort bei Leipzig, Fußball gespielt. „Durch zwei Kreuzbandrisse musste ich mir etwas anderes einfallen lassen. Ich habe mich für die Schiedsrichter-Laufbahn entschieden“, erklärte sie.
Seit 1997 leitet die Messestädterin, die beim sächsischen Fußball-Verband tätig ist, Spiele von Frauen und Männern. „Als Frau wird man besonders geprüft und getestet“, sagt Kunick, die inzwischen Regional- und Oberligaspiele pfeift.
Der Berliner Olaf Fechner zeigte sich angetan vom Luckenwalder Stadion, befürchtet aber, „regionalligatauglich ist es nicht.“ Wer spricht denn in Luckenwalde von der Regionalliga? Die Regionalliga hat der Lichterfelder Verein abgehakt. „Unerfüllbar sind die DFB-Auflagen. Die finanzielle Basis ist für uns ebenfalls nicht zu stemmen. In Berlin gibt es rund 300 Fußballvereine, doch nur vier zählen. Hertha, Union, Tebe und der BFC Dynamo. Unser Trainer Wolf ist trotzdem sehr erfolgsorientiert. Er kennt die Sachlage im Verein an und ist, weil er sich wohlfühlt, geblieben. Wir sind eben eine Ausbildungsmannschaft“, merkte Fechner an. Er sparte nicht mit Lob. „Ich habe selten so ein spannendes Spiel erlebt, mit einem so tollen Publikum, das so mitgeht und hinter seiner Mannschaft steht. So etwas gibt es in der Oberliga sehr selten.“
Fechner ist sich fast sicher, dass auch in dieser Saison die Oberliga-Staffel Nord sehr ausgeglichen sein wird und stempelt den BFC Dynamo zum Meisterschaftsfavoriten, „so wie in der letzten Spielzeit, als sich Tebe an der Spitze und der Spandauer SV am Tabellenende sich vom übrigen Teilnehmerfeld distanzierten, wird es diesmal nicht geben.“ (koli)
Quelle: MAZ