Bericht der Leipziger Vokszeitung vom 9.10.07
.2007 „Hart an der Grenze“
Türkiyemspor-Trainer beklagt Anfeindungen von Lok-Anhängern bei A-Jugend-Spiel
Sonntag Mittag in Probstheida.
A-Jugend-Regionalliga, 1. FC Lok gegen Türkiyemspor Berlin. 250 Zuschauer drängen sich auf einer Seite des Nebenplatzes 3. Die Gäste gewinnen 1:0, aber Trainer Hasan Keskin kann sich nicht freuen. „Meine Spieler und ihre Eltern wurden aufs Übelste beschimpft, verleumdet und bedroht“, sagt der 44-Jährige, „so etwas habe ich noch nie erlebt. Nicht in Berlin, nicht woanders in Deutschland, schon gar nicht im Ausland. Es war hart an der Grenze, hätte auch eskalieren können.“
Vor allem auf eine türkische Mutter im Kopftuch habe sich blanker Hass entladen. „Ihr habt hier nichts zu suchen, schert euch nach Hause, ihr gehört nicht zu Europa – das war noch das Harmloseste, was wir zu hören kriegten“, erklärt Keskin. „Einer meiner drei deutschen Spieler sagte mir, dass er sich geschämt hat, vor diesen deutschen Zuschauern spielen zu müssen.“
Dem Verein mag der Coach nicht einmal einen Vorwurf machen, außer dass keine gekennzeichneten Ordner die Partie absicherten. Lok-Akteure und Trainer hätten fair zum Sieg gratuliert, „und die Verantwortlichen taten mir sogar leid. Die waren überfordert und überrascht, haben uns aber geschützt. Wir hatten ja Angst, hier raus zu kommen.“ Lok-Chef Steffen Kubald eskortierte die Berliner persönlich in die Kabine und später zum Bus, versuchte zu schlichten und zu beruhigen.
Kubald spricht von „Emotionen, die sich hoch schaukelten“. Der türkische Torwart habe die Fans mit seinen Gesten auch provoziert. Eine Entschuldigung sei das jedoch nicht. „Einige Leute wissen nicht, wie sie sich benehmen müssen, für erwachsene Menschen ist das unwürdig.“ Der Lok-Vorsitzende räumt ein: „Wir hatten Glück, dass außer bösen Worten jenseits der Schmerzgrenze nichts passiert ist.“ Wohl auch deshalb, weil jugendliche Hooligans, die Kubald „unsere Verrückten“ nennt, fern geblieben waren. Bei aller Kritik an den verbalen Entgleisungen beteuert Kubald: „Ausländerfeindliche oder rechtsradikale Parolen habe ich nicht gehört.“
Schiedsrichter Andreas Kasenow auch nicht. „Ich habe keinerlei Beschimpfungen vernommen.“ Einen Sonderbericht wird der Geraer trotzdem schreiben: „Ordnung und Sicherheit waren nicht gewährleistet, es fehlten Ordner und Absperrungen.“
Hasan Keskin, seit 32 Jahren in Deutschland, vermisst etwas anderes. „Traurig ist, dass kein Zuschauer die Zivilcourage hatte, einzuschreiten und zu verlangen: Macht endlich Schluss damit.“ Sein Verein Türkiyemspor werde nicht aufhören, für die Integration von Migranten und für Völkerverständigung zu kämpfen. Keskin hat neben vielen Türken auch 17- bis 18-jährige Kicker aus Malaysia und mit arabischen Wurzeln im Team. „Die Jungs sind alle in Deutschland geboren, das ist ihre Heimat. Klar, dass sie von Leipzig enttäuscht sind. Ich bin es auch.“
Sagt er gestern, einen Tag vor dem 9. Oktober, an dem 1989 fast hunderttausend Menschen um den Leipziger Ring zogen – auch, um Weltoffenheit und Toleranz zu fordern.
Steffen Enigk