Westfälische Rundschau
Ein bisschen laut - ABER DIE STADT STEHT NOCH
Siegen. (wp) Ein Goldkehlchen, kein Zweifel. In Schwarz-Gelb gewandet, mit einem prächtigen Resonanzkörper ausgestattet. Ein Dynamo.
Mario gibt den Ton an bei den vielfältigen Schlachtgesängen, mit denen die gelbschwarzen Fans ihre Gegner beglücken - Töne, die vorgestern in ganz Siegen und Kreuztal zu hören waren.
Ja, es war ein bisschen lauter, aber die Stadt steht noch, nach dem Einfall der Dynamo-Fans. Die Krombacher Brauerei ist noch produktionsbereit, und das Leimbachstadion ist ebenfalls noch benutzbar. Die Nervosität war umsonst: Die Polizei musste nicht alles im Griff haben, weil die Dynamo-Fans sich im Griff hatten. Es gab keine zerschlagenen Fensterscheiben, nur wenige Verhaftungen - und die hervorstechendste Schlägerei war eine zwischen zwei Dresdner Fans.
Achim Wittig sorgte dafür, dass der Tag ziemlich früh und ziemlich harmonisch begann. Der Ofensetzer aus Montabaur, ein gebürtiger Dresdner, zog nach der Wende nach Montabaur, hat aber seinen "Karnevalsverein" nie vergessen. Von da aus war es zur "Wildwest-Fraktion" der Dynamos, der Sachsen, die es im Laufe der Jahre in den Westen verschlagen hat, nicht weit. "Und wenn die Sportfreunde in die 2. Liga aufsteigen, dann komme ich mit Planwagen."
Das war dann am Sonntagmorgen. Auf dem Logistikhof der Krombacher Brauerei gab es Schnittchen und alkoholfreies / armes Bier und eine Menge Gesprächsstoff. Einen, der die Dresdner an ein Ereignis erinnerte, an das man gar nicht so gerne erinnert wollte, das legendäre 7:3 im Jahr 1986 beteiligt war. Damals warf Uerdingen Dresden aus dem Europapokal - eine bis heute blutende Wunde.
Ecki aus Köln, er hat nach seinem Wegzug aus Dresden auch mal in Altenhundem gewohnt, findet die Atmosphäre auf dem Brauereihof angenehm.
Auch Florian Weichert ist positiv überrascht. Der Ex-Profi von Hansa Rostock und dem HSV ist heute als Reporter beim MDR unterwegs und kümmert sich gerne und oft um die Fans des Zweitligisten, und diesmal im Littfetal.
Sportfreunde und Dynamos zockelten dann gemeinsam mit drei Planwagen und drei Doppeldeckerbussen in Richtung Siegen. So weit, so gut. Auch das Spiel erfüllte noch einige Erwartungen. Es war nicht hochklassig, endete aber leistungsgerecht 2:2. Und halb zufrieden machten sich die Dynamos auf den Weg zu ihren Wagen aus München, Stuttgart, Augsburg, Köln, oder eben aus Sachsen. Oder zum Bahnhof. Dort schließlich entglitt das Geschehen der Regie, und die Schuld lag nicht bei den Gästen.
Zunächst entwickelte sich alles ganz entspannt. Einige der rotweißen und der schwarzgelben Fans kannten sich noch vom Morgen auf dem Brauereihof, andere stimmten die üblichen Schlachtgesänge an. Doch dann zog die Bereitschaftspolizei einen Kordon zwischen drei Dutzend Dresdnern und drei- bis vierhundert Siegenern, überwiegend Jugendliche mit Adrenalin im Blut.
"Kindergarten", brummt ein Dresdner mit Bierbauch beim Anblick der Truppe hinter dem Polizeikordon. Holt sich einen Hamburger und wartet ab, was noch kommt. Die grüne Linie wirkt jetzt wie ein Gartenzaun, über den sich die Nachbarn ankeifen. Kleinere Provokationen beantworten die Bereitschaftspolizisten mit vorbeugenden Verhaftungen.
Natürlich sind jetzt die Fronten geklärt, die informellen Fan-Treffen beendet. Und es gibt unnötigen Krach.
Achim Wittig ist schon nicht mehr da, Ecki ist sauer, und viele andere Fans auch. "Völlig unnötig" findet er den seiner Meinung nach überzogenen Polizeieinsatz am Bahnhof, "völlig unprofessionell", weil die ganz harten Hooligans sowieso ganz woanders waren, und die entspannte Atmosphäre erst durch den Polizeieinsatz "kippte".
Dann ist der Tag zu Ende. Die Stadt steht immer noch.
03.10.2005 Von Raimund Hellwig